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Nr. 5.2.3.05

Schreiben Max Warburg an Paul Warburg (19.03.1920)

Brief

Regest:

In diesem Schreiben beschreibt der Direktor der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co., Max Warburg, seinem in den USA wirkenden Bruder Paul die gegenwärtigen Zustände in Deutschland anlässlich von Paul Warburgs Plänen, eine Bank zu gründen, die wesentlich mit der europäischen Handelsfinanzierung befasst sein sollte (die International Acceptance Bank). Das Schreiben ist Zeugnis eines durchaus typischen Optimismus Max Warburgs, der davon ausging, das ökonomische Erwägungen am Ende politische Konflikte überlagern würden. Gleichzeitig warnt er seinen Bruder vor leichtfertigen Handlungen angesichts der politisch instabilen Verhältnisse in Deutschland.

Hamburg, den 19. März 1920

Mein lieber Paul,

Ich habe Dein ausführliches Telegramm gestern abend erhalten und gleich darauf geantwortet; der Sicherheit halber behändige ich Dir inliegend Abschriften der Telegramme in Uebersetzung.

Was den ersten Teil betrifft, so freue ich mich sehr, dass Du Dich schliesslich entschlossen hast, Dich an die Spitze einer amerikanischen holding company für deutsche Werte zu stellen.1 Ich begreife vollkommen, dass Du Dich hierbei ganz auf uns verlassen musst. Im Princip würde uns natürlich eine derartige Transaktion reizen; an und für sich glaube ich auch an die Besserung der Valuta, weil das Ausland allein schon das grösste Interesse daran hat, uns gesund zu machen, da wir sonst ein unerträglicher Exporteur werden. Auch hat es sich längst erwiesen, dass wir alle zu sehr Nachbarn sind, um glücklich sein zu können, wenn nur einer von uns nicht gesund ist; es wirkt wie die Pest ansteckend, wenn die Valuta eines Landes so desorganisiert ist, wie die unsrige. Ich glaube daher an die Besserung der Valuta, und insofern hätte ich keine Bedenken, mich an Deiner Stelle jetzt in Deutschland zu interessieren. Andererseits ist der Zustand in Deutschland durch den Wahnsinn von Kapp und seinen militärischen Genossen2 wieder um Monate zurückgeworfen worden. Man darf ohne Uebertreibung sagen, dass der Fehler, der in erster Reihe zu diesem Putsch geführt hat, von der Entente gemacht worden ist, indem wir von allen Gegnern in so unerhörter Weise beschimpft und behandelt wurden; da kann keine demokratische Regierungsform im Volke Fuss fassen und naturgemäss muss die alte Fronde wieder Anhang gewinnen.

Ich schreibe Dir dieses, damit Du die Situation richtig beurteilst. Die französischen und englischen Vertreter haben dann auch sofort, nachdem Kapp und Lüttwitz zurückgetreten waren, der alten Regierung ihre Genugtuung ausgesprochen. Du lieber Gott, als wenn es damit geschehen wäre! Jetzt sind die linksradikalen Elemente mit Recht misstrauisch geworden und wir werden lange Zeit gebrauchen, um wieder so weit zu kommen, wie wir waren. Wenn man es trotz des Benehmens des Auslandes in Deutschland fertiggebracht hatte, nach diesem verlorenen Kriege und nach den elenden Friedensbedingungen Ruhe im Land zu schaffen, die Arbeitslust zu wecken, schon Abmachungen zu treffen, dass der 8stündige Arbeitstag unter gewissen Umständen verlängert würde, alle Massnahmen, die Erwerbslosenunterstützung langsam abzuschaffen oder einzuschränken, ergriff und die Akkordarbeit wieder einzuführen, so sind das wirklich Erfolge, die in der Geschichte anerkannt werden müssen.3 Dazu die Einheit des wirklich verprügelten Volkes mit Bezug auf die Auslieferungsfrage, die gute Abstimmung in Flensburg4, obwohl wir im Augenblick wahrlich nichts zu bieten haben! Wir waren wirklich auf dem besten Wege, und müssen jetzt wieder da anfangen, wo wir im November 1918 begannen. Hoffentlich geht es rascher, zu übersehen ist es aber nicht!

Die Räteregierungen, die in den verschiedenen Teilen Deutschlands ausgerufen worden sind, sind bisher Teilerscheinungen; aber letzten Endes hängt naturgemäss jedes Eigentum in Deutschland von der politischen Lage Deutschlands und den Arbeiterverhältnissen ab, und aus diesem Grund rate ich Dir, lieber noch zu warten, selbst auf die Gefahr hin, dass Du teurer kaufen wirst.

In jedem Fall halte ich Deine Anregungen vor Augen und werde Dir ehestens telegrafieren, sobald ich den Mut habe, loszuschiessen.

Mit herzlichem Gruss

Max